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Frau L. aus Geislingen fragt:

Veröffentlicht am 20.07.2017 | Erfolgreich bewerben

"Seit knapp zehn Jahren arbeite ich als Ingenieurin bei einem mittelgroßen Familien-Unternehmen. Da die Nachfolge in der Unternehmensführung unklar ist, habe ich begonnen, mich beruflich umzuschauen. Nun habe ich eine sehr gut passende Stellenausschreibung gefunden und mich darauf beworben, da ich in meinen Augen 80% der geforderten Kriterien erfülle, aber auch noch etwas dazu lernen könnte.

Ich bin recht kurzfristig eingeladen worden und habe dann ein etwa zweistündiges Gespräch mit dem potentiellen Vorgesetzten und einem zukünftigen Kollegen geführt. Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen und nochmals meine Gesprächsnotizen durchgelesen habe, bin ich jedoch verunsichert, ob die Position und vor allem das Unternehmen das richtige für mich ist. Denn im Grunde ging es im ganzen Gespräch nur darum, was mir noch alles fehlen würde für die Stelle und dass in meinem jetzigen Unternehmen - aus Sicht meiner Gesprächspartner - eigentlich nichts funktionieren könne. Ich frage mich, warum ich überhaupt eingeladen wurde und habe eigentlich gar keine Lust mehr auf diese Stelle. Ist es voreilig, wenn ich absage?"

 

Sehr geehrte Frau L.,

ein Vorstellungsgespräch soll beiden Seiten dazu dienen festzustellen, ob man zueinander passt, sowohl fachlich als auch persönlich. Beide Seiten sollten sich im Vorfeld entsprechend vorbereitet haben, um ausloten zu können, wie groß die gemeinsame Schnittmenge tatsächlich ist. Auch die Einladung zum Gespräch erfolgt üblicherweise nur dann, wenn man eine einigermaßen gute Passung zur Aufgabenstellung sieht. Insofern ist davon auszugehen, dass Sie fachlich schon eine gute Grundlage mitbringen.

Die Frage ist, was sonst noch alles gefordert ist. Konnten Sie von Ihrer Seite darlegen, warum Sie denken, dass die Aufgaben gut zu Ihnen passen und Sie sich gut gewappnet sehen, diese zu erfüllen? Einerseits ist wichtig, wie schnell Sie die fehlenden Kenntnisse erwerben könnten, andererseits stellt sich die Frage, welche weiteren Kenntnisse, Erfahrungen und Eigenschaften für diese Stelle benötigt werden.

Üblicherweise wird ein Vorstellungsgespräch von einem/einer HR-Mitarbeiter/in (oder einem/einer Personalberater/in) begleitet, die/der das Gespräch mit strukturiert. Den Mitarbeitern in der Personalabteilung ist oft - eher als den Fachabteilungskollegen - bewusst, dass es die berühmte 'eierlegende Wollmilchsau' nicht gibt, und dass man sich fehlendes Fachwissen eher aneignen kann als ebenfalls benötigte Eigenschaften wie beispielsweise Engagement oder kommunikative Fähigkeiten. Auch die Motivationslage der Interessentin/des Interessenten sollte eine wesentliche Rolle spielen. Es kann also sein, dass Ihre beiden Gesprächspartner Ihre bereits vorhandenen Fachkenntnisse schlicht als Selbstverständlichkeit ansahen und – vergleichbar mit der Fehlersuche bei einer Qualitätskontrolle – schlicht die Abweichung von der fachlichen 100%-Erfüllung gesucht haben. 100%-Passung gibt es allerdings bei der Stellenbesetzung in der Regel nicht. Außerdem wechseln die wenigsten Menschen ihren Arbeitsplatz, um dann genau dasselbe wie vorher zu tun, selbst nicht für ein höheres Gehalt.

Wie wichtig ist Ihnen diese Position? Wenn Sie die Aufgabe an sich sehr spannend finden und das Unternehmen weiterhin interessant wäre für Sie, könnten Sie abwarten, ob Sie zu einem zweiten Gespräch eingeladen werden und der Sache ‚eine zweite Chance geben‘. Dann sollten Sie aber auf jeden Fall alle Ihre offenen Fragen stellen und klären, was Sie tatsächlich alles für die Stelle mitbringen (fachlich und darüber hinaus) und was noch fehlt (ob dies eher 20% sind oder doch vielleicht mehr) – und welche Möglichkeiten es gibt, sich hier schnell weiter zu entwickeln. Oder hat für Sie die Chemie im Gespräch nicht gestimmt? Hier sollten Sie in sich gehen und für sich prüfen, an was Sie dies festmachen (z. B. schleppender/flüssiger Gesprächsverlauf, sehr unausgewogene/ausgewogene Gesprächsanteile, fehlende/gute Aufmerksamkeit der Gesprächsteilnehmer, fehlende oder vorhandene Wertschätzung im Gespräch, interessierte Fragen oder Desinteresse/kaum Fragen). Wenn Sie den Eindruck haben, dass Sie mit dem potentiellen Vorgesetzten/Kollegen so gar nicht warm werden können, sollten Sie sich auf Ihr Bauchgefühl verlassen und tatsächlich absagen. Sie verbringen gute 40 Stunden in der Woche mit diesen Menschen – da sollte das Miteinander schon funktionieren!

 

Meera Gandbhir

Dr. Meera Gandbhir
Seniorberaterin und Prokuristin