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Wenn die Liebe zum Job verwelkt und die Zufriedenheit sich von der Sinnhaftigkeit trennt.

Veröffentlicht am 14.10.2014 | Betriebliches Gesundheits­management

Von Anbeginn hat die Marketing- und Vertriebsleiterin Nora Ohnesorg (36)* ihn so sehr geliebt, dass sie alles für ihn getan hat. Tag und Nacht kreisten ihre Gedanken um ihn. Meist hat er ihr ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, hat ihr das Gefühl gegeben, sie selbst zu sein, hat sie mit Sinn erfüllt. So hatte sie sich das immer im Studium vorgestellt. So sollte es einmal sein. Ja sie war fast mit ihm verheiratet. Doch seit fünf Monaten ist es aus, ist die makellose Projektion endgültig verblasst. Nun nervt er nur noch, macht sie traurig und phlegmatisch. Immer öfter flüchtet sie sich in Tagträume von einem anderen. Sie denkt an Trennung  – von ihm, dem damals heißgeliebten Job, für den sie einmal alles gegeben hätte...

Jetzt sitzt Nora Ohnesorg mir gegenüber; wir reden über ihre „Fluchtpläne“. Sie ist nicht die Einzige, die an Flucht denkt. Jeder Fünfte zieht einen Berufswechsel in Erwägung. Die Gründe: Druck, Stress, fehlende Gestaltungsspielräume und das Gefühl von Sinnlosigkeit. Soll sie nun, nach fünf Jahren, gleich wechseln oder noch das Weihnachtsgeld mitnehmen? „Erstmal gar keine gute Idee!“ meine ich. Denn die Ursachen für ihre Unzufriedenheit liegen nicht nur bei ihrem Chef und im Unternehmen, sondern natürlich auch bei ihr selbst. 

Viele unzufriedene Führungskräfte tragen weit mehr zu ihrem Zustand bei, als ihnen bewusst ist. Oft beobachte ich in meiner Praxis als Personalentwickler und Begleiter in der Personalberatung ein spannendes Phänomen: Es sind nicht unbedingt die am unzufriedensten, die am wenigsten für ihren Job brennen, sondern diejenigen, die leistungsbewusst und erfolgreich sind. Sie ringen mit sich selbst, denn jahrelang wurde ihnen gebetsmühlenhaft wiederholt, dass am glücklichsten und erfolgreichsten im Leben ist, wer in seinem Beruf nach oben kommt.

Sie drücken auf den Powerknopf und geben Gas – wie Nora Ohnesorg, bis sie letztendlich dort ankam, wo sie gar nicht hinwollte, und ausgebrannt war. Denn auf der Leiter nach oben verändern sich häufig die Arbeitsinhalte und Rollen. Mit der Zeit hat sie sich immer weiter von dem entfernt, was ihr ursprünglich einmal wichtig war im Job. Sie hat viel zu spät gemerkt, dass ihre Arbeit immer weniger mit ihren Interessen und Neigungen zu tun hatte. Negative Gefühle versuchte sie durch Mehrarbeit zu kompensieren. Nichts tat sie mehr mit Freude, alles Handeln ordnete sie dem Erfolg unter: Abendliches Essen gehen aus Vertriebsgründen. Tagungen und Fortbildungen nur noch für das Netzwerk nutzen, nichts mehr für sich selbst tun. Alle ihre Hoffnungen richten sich nur auf den nächsten scheinbar logischen Karriereschritt. Maximales Motto: Wenn ich dieses Ziel erreicht habe, dann werde ich endlich glücklich sein. Ein Trugschluss, der viele in einen „cirque de diable“ treibt.

Was kann man dagegen tun?

Das, was unzufriedene Führungskräfte aus meiner Sicht viel häufiger brauchen, ist eine ehrliche Selbstanalyse oder einen kompetenten Gesprächspartner: „Was ist mir wirklich wichtig? Brauche ich wirklich die gehobene Führungsposition mit noch mehr Mitarbeiterverantwortung? Oder zählen für mich nicht doch die Inhalte meiner Arbeit mehr? Wo erlebe ich mich kompetent? Wo habe ich das Gefühl, etwas bewegen zu können, das mir am Herzen liegt? Und auf was von dem, was ich heute tue, bin ich wohl in dreißig Jahren noch stolz?

Es klingt simpel. Trotzdem müssen solche Präferenzen oft mühsam unter der Kruste der Erfolgskarrieren wieder hervorgeholt werden. Doch das lohnt sich. Wer sich diese Fragen ehrlich beantwortet, stellt meist fest, dass er nicht die Firma oder gar den Beruf wechseln muss, um wieder glücklicher zu werden. In 75% der Fälle reicht es, sich innerhalb seines Jobs oder Unternehmens neu zu justieren.

Man muss nicht einmal in eine unpassende Position geraten, um auf der Arbeit unglücklich zu werden. Mit zu hohen Ansprüchen an sich selbst geht das auch auf der idealen Position. Viele Menschen werden gerade deshalb unzufrieden, weil sie glauben, in ihrer Arbeit ständig leidenschaftlich aufgehen zu müssen. Wenn das nicht funktioniert und der Job mal keinen Spaß macht, quälen sie sich mit Selbstvorwürfen.

Frau Ohnesorg begann ihren Job wegen der ausgedehnten Abende regelrecht zu hassen. Der Grund war ihr zunächst unklar. Für die Vertrieblerin war es nach einigen Sitzungen ein Kraftakt, sich zuzugestehen, dass es völlig in Ordnung ist, nicht auch noch seine Abende mit Business zu füllen. Als sie wieder anfing, auf ihren Reisen abends etwas „Privates“ zu unternehmen – etwa allein ins Literaturcafé zugehen –, stellte sich ihre Zufriedenheit mit der Arbeit sukzessive wieder ein. Glückliche Momente sollte man bei der Arbeit erleben und sich über diese freuen. Aber zu erwarten, dass die Arbeit immer glücklich macht, ist ein zu hoher Anspruch, der an der Realität zwangsläufig scheitern wird.

Sinn schafft Zufriedenheit

Die „normale“ berufliche Existenz kann nur selten mit der gewaltigen Erwartung von Freude und Flow mithalten, die vielen als Soll-Zustand vorschwebt. Dem stehen schon so banale Gründe entgegen wie der, dass selbst ein Traumjob irgendwann zur Routine wird. Oder dass es auch im liebsten Beruf Aspekte gibt, die einem sinnlos und freudlos erscheinen. Und selbst die Dinge, die man an seinem Beruf liebt, haben manchmal finstere Seiten.

Was können Sie als Führungskraft tun, um möglichst viel Zufriedenheit aus Ihrem Job zu ziehen?

Zufriedenheit(und übrigens auch Motivation) gibt es nur über den Sinn, den man in der Arbeit sieht – seien es gute Produkte und Ziele oder die gute Zeit mit den Kollegen. Sie hat weniger mit dem Job zu tun als mit der eigenen Einstellung dazu. Zufriedenheit im Job erfordert eine gesunde Balance. Wichtig ist, den Job ganz zu machen oder gar nicht. Halbheiten machen nicht zufrieden. Der Job muss gut zu ihnen passen.

Sinn und Arbeitszufriedenheit stehen bei vielen Menschen in einem engen Zusammenhang. Sinnhaftigkeit ergibt sich daraus, dass die Arbeit an persönliche Neigungen und Werte andockt, dass sie das Gefühl auslöst, etwas bewegen zu können. Es gibt Menschen, die sehr geschickt darin sind, ihrer Arbeit einen tieferen Sinn zu geben. Sie haben herausgefunden, dass sie ihren Job – trotz aller Einschränkungen und manchmal an ihren Chefs vorbei – so umgestalten, dass sie zufriedener damit sind

Sie tauschen z. B. Aufgabenbereiche mit Kollegen oder erschließen sich neue Einsatzfelder. Oft arbeiten sie an der Verbesserung ihrer sozialen Beziehungen, etwa indem sie Kollegen häufig ihre Hilfe anbieten. So schöpfen sie Sinn durch Verbundenheit. Außerdem schaffen es viele von ihnen, einer auf den ersten Blick monotonen Tätigkeit durch „Reframing“ mehr Bedeutung abzugewinnen. Wie unsere Reinigungskraft im Büro: Sie putzt nicht einfach, sie vernichtet Bakterien – und erfüllt damit eine lebenswichtige Aufgabe. Von unserer Reinigungskraft könnten auch Führungskräfte lernen. Die Frage: „Was tue ich hier eigentlich? Wem nützt mein Handeln?“, sollten Sie sich in Zeiten zerstückelter Aufgaben und abstrakter Ziele öfter stellen.

Wünschenswert wäre, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter bei der Suche nach Sinn stärker unterstützen würden, etwa durch einen stärkeren Dialog über gemeinsame Ziele oder durch mehr Nähe zum Kunden. Sie könnten beispielsweise Kunden einladen, damit diese erzählen, wie ihnen durch die Arbeit, die im Unternehmen geleistet wurde, geholfen wurde. Berufstätige mit einem dicken Sinnpolster haut so schnell kein Stress um. Sie können einiges aushalten, ohne dass ihre Arbeitszufriedenheit dauerhaft Schaden nimmt. Gerade Führungskräften tun sich viele Möglichkeiten auf, ihr Sinnpolster zu füllen. Aber sie tun oft genau das Gegenteil: Statt zu ändern, was zu ändern ist, jammern sie über angeblich Unabänderliches oder grämen sich über Unerfüllbares.

So kommen Sie raus aus dem Tief

Konzentrieren Sie sich nicht nur auf das, was Sie ärgert.

Fragen Sie sich: Welche guten Seiten hat meine Stelle? Was ist so beschaffen, dass ich es womöglich so schnell woanders nicht wiederfinde?

Kommen Sie Ihren Motiven und Werten auf die Spur.

Hinterfragen Sie sich: Was wollen Sie wirklich?

Klären Sie Widersprüche in Ihren Motiven.

Gibt es innere Konflikte, die sich anbahnen, weil unterschiedliche Motive gegeneinander-stehen? Lernen Sie – wenn nötig mithilfe eines Coachs – Ihr inneres Team kennen.

Unterziehen Sie Ihre Ansprüche einer kritischen Analyse.
Sie glauben, anderes ist wichtiger im Job als Geld und Status? Zum Beispiel dass Sie einer Arbeit nachgehen, die Ihnen sinnvoll erscheint und Freude macht? Damit haben Sie gute Chancen, zufrieden durchs Arbeitsleben zu gehen. Doch Vorsicht:

Bleiben Sie realistisch.

Lassen Sie die Idee fallen, dass Ihr Job zentrale Lebensbedürfnisse stillen soll.

Lernen Sie, zu unterscheiden und Ihren Anteil zu erkennen.

Beleuchten Sie Ihre aktuelle Situation der Unzufriedenheit kritisch: Kennen Sie sie aus anderen Kontexten? Welchen Anteil haben Sie selbst an ihrer Entstehung? Erwarten Sie zu viel?

Suchen Sie nicht Ihr ganzes Lebensglück im Job.

Sie lieben Ihre Arbeit? Schön. Aber vergessen Sie nicht die anderen Dinge im Leben.

Verabschieden Sie sich vom Anspruch, immer zufrieden sein zu wollen.

Machen Sie sich klar: Zufriedenheit ist eine flüchtige Konstante. Zufriedenheit ist eine subjektive, von vielen Variablen abhängige Sache.

Im Übrigen gilt: Unzufriedenheit kann ein wertvolles Signal sein, nötige Veränderungen vorzunehmen.

Und übrigens: Haben Sie schon einmal daran gedacht, mit uns Kontakt aufzunehmen, so wie es Frau Ohnesorg gemacht hat?

 

Wenn Sie mehr dazu erfahren möchten, freuen wir uns über Ihren Anruf.

 

Joachim Schönberger

Berater